OH ENDLESS IS THIS MISERY / 2023
Presse
2023/10/07 FRANKFURTER RUNDSCHAU / FEUILLETON
In Echoräumen
TextXTND mit der Hör-Performance „Oh Endless Is This Misery“ im Mousonturm
Willi Münzenberg, Kommunist und Medienunternehmer, war 1927 überzeugt,
dass die kommenden Jahrzehnte die Befreiung der kolonialen und halbkolonialen
Länder bringen würden. Überall auf der Welt erhoben sich
Befreiungsbewegungen, die „Liga gegen Imperialismus und koloniale
Unterdrückung“ wurde gegründet und veranstaltete 1929 ihren ersten
internationalen Kongress in Frankfurt am Main.
Daran erinnert die Gruppe textXTND in einer szenisch minimalen, intellektuell
verdichteten und dramaturgisch sensiblen Performance mit Musik verschiedener
Provenienzen, Texten – gesungenen und gesprochenen – und assoziativem
Erinnerungsmaterial. Der Titel der jetzt im Mousonturm uraufgeführten
Performance „Oh Endless is This Misery“ strotzt nicht gerade vor Optimismus.
Zurück zu den Wurzeln.
Dem Projekt liegen umfangreiche Recherchen zugrunde, dazu eine reflektierende
Rückkehr zu eigenen Wurzeln. Vor zwei Jahrzehnte hat textXTND sich mit der
Performance und der CD „Marx“ schon einmal mit klingendem Material der
deutschen Arbeiterbewegung auseinandergesetzt. Einige Elemente davon tauchen
jetzt auf der Bühne wieder auf.
Das Elend der Kolonien wird in enge Verbindung gebracht mit dem Elend der
arbeitenden beziehungsweise zunehmend arbeitslosen Klasse am Ende der
1920er Jahre. Die historische Zuversicht, Marx und Lenin könnten helfen, die
Situation der Elenden zu verbessern, hat sich als haltlos gezeigt, nach wie vor
sind Forderungen nach Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit utopisch. Nur dass wir
im globalen Westen insgesamt in einigen Hinsichten besser abschneiden.
Und, nein, wir reden jetzt nicht von der Klimakrise. Aber warum eigentlich nicht?
Weil textXTND die Geschichte zwar nicht als Anlass nutzt, das Gute in der
Vergangenheit zu suchen, sondern als wuchtigen Resonanzraum für das globale
Elend der Gegenwart. Das Klima spielte seinerzeit keine Rolle in der Politik. All die
guten Zukunftswünsche der alten Befreiungskämpfer aber sind unabgegolten.
Sind sie unrealistisch? Dagegen steht die auf der Bühne (auf Englisch) häufig
wiederholte Versicherung, dass „wir keine Träumer und Utopisten“ seien. Und der
ikonische Satz Martin Luther Kings taucht in abgeänderter Form auf: „I Have a
Scream!“.
Das szenische Konzept ist bewegungsarm. Vier Menschen sitzen an kleinen
Tischen, einer (Larry Bonchaka) geht zuweilen nach hinten an seine Talking
Drum, Melati Suryodarmo erscheint per Video in einer sehr physischen
Performance, Sophie Agnel spielt mit großer Präsenz den präparierten Flügel, und
oben hinterm Publikum singt der Akademische Arbeiterliederchor Frankfurt Eisler-
Lieder. Oliver Augst singt eindringlich, manchmal lauscht man einer Stimme aus
dem Off.
Es ist ein Hörstück. Es produziert Fragen, keine Lösungen.
Echoräume, kein „Trotz Alledem“.
Hans-Jürgen Linke
2023/10 JOURNAL FRANKFURT
Oh, endless is this misery
Ein Live-Hörspiel über eine vergessene Frankfurter Geschichte.
Vielleicht hätte alles auch ganz anders kommen können.. Als im Juli 1929 die „Liga gegen Imperialismus und koloniale Unterdrückung“ in Frankfurt zu einem zweiten Kongress zusammenkam, hätte wohl kaum jemand gedacht, dass schon vier Jahre darauf die Nationalsozialisten an die Macht kommen würden. Immerhin war der Kongress von Kommunisten organisiert worden. Neben der nationalen kam dabei auch die internationale Linke zusammen. Und sogar Vertreter kolonialisierter Länder reisten nach Frankfurt, um für sich zu sprechen und Gehör zu finden. Vielleicht hätte diese Konferenz damit auch zukunftsweisend wirken können. Doch die Zukunft kam zunächst ganz anders: nicht internationalbefreierisch, sondern national- imperialistisch. Die Konferenz von 1929 wurde darüber vergessen. Doch das Live- Hörspiel „Oh, endless is this Misery“ nimmt sie nun zur Grundlage. Denn dieselben Fragen stellen sich auch heute. Und dieselben Gefahren bedrohen ihre Beantwortung.
Zunächst wird die Konferenz hier durch das Hören erlebbar: Auszüge aus den Begrü.ungsreden von 1929 werden vorgetragen. Briefe und Unterstützer-Postkarten werden verlesen. Hanns-Eisler-Lieder mit Bertolt- Brecht-Texten werden gesungen. Doch die Inszenierung ist kein Reenactment – ganz im Gegenteil. Gerade das Veränderliche steht im Mittelpunkt. Kein Skript schreibt einen Ablauf vor, keine Regie übt ihre Hoheit aus. Stattdessen improvisieren die Performerinnen und Performer mit dem Material. Sie zitieren Quellen rund um die Konferenz. Sie werfen eigene Blicke auf die Themen, verbinden sie mit Gegenwartsbezügen und mit eigenen Erfahrungen. So erscheint die Geschichte eben nicht als vorgezeichnet, sondern als veränderlich. Die Konferenz wird darüber sogar authentisch: Tatsächlich wird hier diskutiert und gestritten, vermittelt und ein Kompromiss geschlossen. Hinzukommen wechselnde Gäste, um das Geschehen aufzuwirbeln. Der Akademische Arbeiterliederchor Frankfurt steht dem Geschehen ebenfalls gegenüber und greift darin gesanglich ein. So ist jeder Aufführungsabend neu und anders. Fest steht am Ende immer nur: Vielleicht hätte alles auch ganz anders kommen können. Aber genau darum geht es schließlich.
Julian Mackenthun
2023/10/09 FAZ KULTUR
Und nie vergessen
Livehörspiel zu Kolonialismus -
Da Paris und London sich verweigert hatten, fand 1929 in Frankfurt der
„Weltkongress gegen Imperialismus und koloniale Unterdrückung“ statt. Initiiert
von kommunistischen Parteien, trafen sich Abgeordnete aus verschiedenen
europäischen Ländern und auch Vertreter aus den damals noch in Vielzahl
existierenden Kolonien. Man war sich über alle Differenzen hinweg einig, dass das
System des Kolonialismus bald an sein Ende gelangen müsse.
Aus Textmaterial
der Vorträge und Debatten, die vor allem im Zoo-Gesellschaftshaus stattfanden,
hat die Frankfurter Künstlergruppe textXTND um Oliver Augst und Marcel
Daemgen nun ein Hörspiel geschaffen, das jetzt im Mousonturm uraufgeführt und
live aufgenommen worden ist. Wie stets hat textXTND künstlerische Partner
gesucht, im Video zugeschaltet war die indonesische Performancekünstlerin
Melati Suryodarmo, deren Stimme neben anderen aus dem Off zu hören war. Der
Film zeigte, wie sie ihr Gesicht mit Lehm beschmierte und anschließend mit
bunten Tüchern beworfen und überdeckt wurde. Darüber hinaus aber dominierten
neunzig Minuten lang Sprache und Klänge das Hörspiel „Oh Endless Is This
Misery“. Das sprachliche Ausgangsmaterial wurde dabei gesprochen und
gesungen (Oliver Augst, Elisa Lou Ehinger) und in immer neuen Schleifen und
Verfremdungen, mit Klängen aus dem großen Flügel (Piano Sophie Agnel),
Trommel (Larry Bonchaka) und anderen zu einer furiosen Klangcollage verdichtet.
Ein abgewandeltes Zitat von Martin Luther King „I have a scream“ wurde ebenso
zu einem immer wieder gesampelten, verzerrten Motiv wie das Arbeiterlied
„Vorwärts und nie vergessen“, das schließlich zusammen mit einigen anderen
Hanns-Eisler- Liedern vom „Akademischen Arbeiterliederchor Frankfurt“
vorgetragen wurde. Die hinter dem Publikum platzierten Sänger bildeten einen
deutlichen Kontrast zu dem von elektronischen Klängen aus Synthesizern und
Computer (Marcel Daemgen) erzeugten Klangteppich, der bisweilen bedrohlich
laut aus den Lautsprechern kam.
Wieder einmal beeindruckt textXTND mit einer
ausgeklügelten Avantgarde-Produktion, mit einer überbordenden Text- Musik-
Collage, deren Raffinesse sich einem womöglich erst bei mehrfachem Hören
vollends erschließt. Und doch bleibt das eigentliche Sujet merkwürdig blass, spürt
man kaum eine tiefere Verbindung zu dem antikolonialistischen Inhalt, stellen
sich kaum Emotionen ein. Auch die Beiträge eines SPD-Parteitags oder der UNOVollversammlung
ließen sich in vergleichbarer Weise zu einem Wort-Ton- Geflecht
verdichten, das Material für die Partitur erscheint austauschbar. Das schmälert
die Wirkung nicht, lässt aber das in der Ankündigung behauptete Ziel der
Reflexion, die Konfrontation mit dem „utopischen Modell herrschaftsfreier
Demokratie“, ein wenig fragwürdi erscheinen.
MATTHIAS BISCHOFF
2023/09 FAUSTKULTUR.DE
Oh, Endless Is This Misery
Live-Hörspiel zum Weltkongress gegen Imperialismus und Kolonialismus von 1929
in Frankfurt am Main
Die Künstlergruppe und Produktionsplattform "textXTND", gegründet 1998 von Oliver Augst, Marcel Daemgen, Michaela Ehinger und Christoph Korn, bewegt sich
virtuos im Spannungsfeld von Theorie, zeitgenössischer Kunst und Pop-
Avantgarde. Dabei steht die Gruppe für eine der radikalsten und avanciertesten
ästhetischen Ansätze, die das zeitgenössische Theater herzugeben hat. Die
Uraufführung der Mousonturm-Koproduktion findet im Oktober 2023 statt. Am 6.
Oktober ist im Anschluss an die Vorstellung ein Künstler*innengespräch geplant.
1929, ein Weltkongress gegen Imperialismus und koloniale Unterdrückung, in
Frankfurt? Tatsächlich! Das Novum: auch Vertreter·innen kolonisierter Länder
nehmen teil und sprechen für sich selbst. Während sich Paris und London
weigern, den Kongress zu beherbergen, öffnet Frankfurt die Türen… Kontakte
entstehen, Zündfunken direkter weltweiter Solidarität. Dies ist der
Ausgangspunkt der performativen Reflexion.
Unter Bearbeitung historischer Artefakte konfrontieren sich die Künstler·innen in
wechselnder Besetzung mit dem utopischen Modell herrschaftsfreier Demokratie –
welches dann verwirklichbar wird, wenn sich Individuen eigenverantwortlich zu
gesellschaftlicher Gesamtverantwortung bekennen. Zur Debatte steht der
persönliche Blickwinkel, verbunden mit den (immer noch) nicht eingelösten
Hoffnungen auf eine bessere, gerechte Welt, letztlich: Der Versuch, eine
historische Ausgangssituation im Hier und Jetzt künstlerisch in Kraft zu setzen.
textXTND präsentierte 1998 eine erste Produktion “Arbeit für Eisler” im
Mousonturm (zusammen mit Rüdiger Carl, Marcel Daemgen, Michaela Ehinger
und Christoph Korn). Mit dem hier vorgestellten Projekt wird darauf inhaltlich und
formal Bezug genommen. Es umklammert und betont eine umfangreiche
Schaffensperiode und versteht sich als idealer Rahmen für ein 25-jähriges
Produktionsjubiläum in Frankfurt.
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